20.01.04

Copytheft? Diskussion bei der Oxford Media Convention

Während der Oxford Media Convention gab es eine Diskussionsrunde mit dem Titel „Copytheft?: Balancing Rights and Freedom in the Digital Age". Leider hatte ich während der Diskussion keinen Netzzugang, so dass ich nicht direkt mitbloggen konnte. Hätte aber vielen auch nix genützt, da die Veranstaltung natürlich in Englischer Sprache stattfand. Nun habe ich endlich die Zeit gefunden, die Notizen aufzubereiten.

Mit dabei: Janet Anderson MP, Vorsitzende des All-Party Intellectual Property Rights Committee des House of Commons, Prof. Lawrence Lessig, Stanford University, USA, Paul Hitchman, Chief Executive, Playlouder.com, Dr. Jaime Stapleton, Creative Industries and Intellectual Property Policy, Arts Council of England

Hitchman begann die Diskussion mit der Bemerkung, dass „einfach loszulegen“ und sich nicht um die rechtlichen Folgen zu kümmern, der einzige kommerziell sinnvolle Weg sei, heutzutage noch eine neue Firma zu gründen. Dann könne man wenigstens noch, wie bei Napster geschehen, darauf hoffen, dass man zwar in Schwierigkeiten kommt, aber die Kläger die Firma kaufen, um anschließend die Idee zu beerdigen. Das sei eine völlig unsinnige Situation, die nicht im Interesse der Konsumenten sei, denn die Angebote, die man auf diese Art machen könne, seien alles andere als optimal. Andererseits könne man aber auch nicht ignorieren, dass die Rechteinhaber sehr viel Geld in die Entwicklung neuer Talente steckten. Daher könne man ihnen nicht einfach die Rechte daran wegnehmen – indem man das Copyright aushöhlt bzw. nicht durchsetzt.

Jaime Stapleton beklagte, dass es immer noch einen erstaunlichen Mangel an empirischen Daten über den Akt des Schöpfens an sich gebe – zum Beispiel, warum Kreative überhaupt etwas erschaffen. Dieser Mangel müsse behoben werden, bevor man sich überlegen könmne, welche Art von Gesetzen man schaffen wolle.

Das hört sich nach einem sehr abstrakten Einwand an, wird jedoch einerseits von der Literatur zum Thema gestützt und entpuppt sich andererseits bei genauerem Hinsehen als äußerst wichtig. Denn immerhin fußt – zumindest in der angelsächsischen Tradition – der Schöpferschutz (Copyright und Patente) auf der Annahme, dass ein umfassender Schutz die Kreativen ansport, neue Werke zu schaffen, egal ob es um technische Erfindungen oder Kunstwerke geht. Weder Ökonomen noch Juristen können aber diese Behauptung bis heute überzeugend belegen. Das ist auf interessante Weise zusammengefasst in Jessica Litmans Aufsatz „Copyright as Myth“ (53 University of Pittsburgh Law Review, 1991, 235 ff.), der in Fachkreisen häufig zitiert wird (aber leider nicht kostenlos online einzusehen ist).

Die Ökonomen werden seit einige Zeit durch die Arbeiten von David Levine und Michele Boldrin, aufgescheucht, die zum Beispiel mit ihrem Aufsatz „The Case Against Intellectual Monopoly“ (Vorsicht: PDF mit 1,5 MB!) die Zunft in Wallung gebracht haben. Ihre Behauptung: Weder Patente noch Urheberrechtsschutz tragen substanziell dazu bei, Schöpfungen anzuspornen. Ich bin noch immer nicht dazu gekommen, das Papier wirklich aufmerksam zu lesen und mir selber einen Eindruck davon zu verschaffen.

Das gleiche Argument kann man auch als Quintessenz des äußerst einflussreichen Aufsatzes von Stephen Breyer, heute Richter am US Supreme Court, sehen: „The Uneasy Case for Copyright: A Study of Copyright in Books, Photocopies, and Computer Programs" (Harvard Law Review, 1970, vol. 84(2), pp. 281–355). Auch dieser Aufsatz ist leider nicht kostenlos online, aber wenigstens gibt es einige (wenige) Details in der Wikipedia.

Lawrence Lessig, der nach Oxford gekommen war, um „seine“ Creative Commons-Lizenzen für das Vereinigte Königreich zu bewerben, wies darauf hin, dass das „Creative Archive“-Projekt der BBC die wichtigste Unternehmung weltweit sei, um auf die Probleme aufmerksam zu machen, die gegenwärtige Copyright-Regimes mit sich brächten. Egal, wohin man käme, überall werde das Creative Archive zitiert als Versuch der BBC, „immense Haufen rechtlicher Probleme zu durchforsten“, um ihre Archivbestände der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.

Sara Geater, Director of Rights and Business Affairs der BBC – und damit dafür zuständig, genau diesen Haufen rechtlicher Probleme zu durchforsten - , meldete sich daraufhin aus dem Publikum zu Wort und sagte, dass die BBC sich mit den neuen Technologien beschäftigen müsse, um nicht den Anschluss zu verlieren. Sie verwendeten sehr viel Zeit darauf herauszufinden, wie man diese rechtlichen Probleme lösen könne, denn die Rechteinhaber könnten sich darauf verlassen, dass die BBC sie nicht übervorteilen werde.

Eine weitere Zuhörerin, Sarah John vom Musiklabel EMI, stellte die Frage, was Rechteinhaber tun könnten, wenn jemand die Creative Commons-Lizenz verletze. Lessig antwortete, dass man damit einen Rechtsverstoß begehe, dass das CC-Projekt aber nicht Polizei oder Staatsanwaltschaft sei und sich die Rechteinhaber selber kümmern müssten, diese Verletzer zu verfolgen – so, wie bei jeder anderen Lizenz auch.

Posted by Matthias Spielkamp at 20.01.04 17:01
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