24.01.04

Datenschutz als Kunstobjekt – und mehr nicht?

Eine Liste aller Passagiere ohne ärztliches Gutachten auf dem Lufthansa-Flug von Peking nach Frankfurt, ein Plakat mit Portraitfotos aller männlichen Passagiere auf dem Weg von Frankfurt nach Bangkok – öffentlich ausgehängt, und das auch noch in den Lufthansa-Farben, müssten solche Verletzungen der Datenschutzbestimmungen der Fluggesellschaft normalerweise gehörig Ärger einbringen. Doch in diesem Fall ist man bei der Lufthansa so stolz darauf, dass man Fotos der Plakate sogar in der aktuellen Ausgabe des Vielflieger-Magazins „Lufthansa exclusive“ veröffentlicht.

Denn bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Namen als unleserlich, und die Fotos sind verfremdet. „'Der Neugierige darf sich schämen', sagt Fabian Wahl – und darüber nachdenken, was ihn diese Informationen eigentlich angehen. Was der Zweck der Übung war.“ So steht es im Hochglanzheft in der Rubrik „Inside Lufthansa“ (weitere Themen der Ausgabe: „Business in Bestform mit der neuen Schuhmode“ und „Schoko-König Hasso G. Nauck und seine schnellen Oldtimer“).

Fabian Wahl ist Student am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt, und die Plakate sind Teil eines Kunstprojekts, in dem am Beispiel Lufthansa Vorschläge erarbeitet werden sollten, wie Datenschutz in einem Großunternehmen kommuniziert werden kann – auf Initiative des Konzerndatenschutzes der Lufthansa AG.

„Wir wollten das Thema näher an die Leute bringen,“ wird der Datenschutzbeauftragte der Lufthansa AG, Rolf-Dieter Zöllner im Magazin zitiert, und weiter: „Handbücher allern reichen nicht; Datenschutz muss auch emotional transportiert werden.“ Offenbar reichten Zöllner die Emotionen nicht, die die Entscheidung der Lufthansa auslöste, dem US-Heimatschutzministerium Daten aller Lufthansa-Passagiere auf dem Weg in die USA zu übermitteln, obwohl diese Praxis gegen EU-Datenschutzbestimmungen verstößt – ein Konflikt, der bis heute nicht gelöst ist.

Nun könnte man einwenden, dass die Lufthansa sich diesem Druck nicht freiwillig gebeugt habe; immerhin hatten die Amerikaner damit gedroht, Gesellschaften, die die Daten nicht übermitteln, die Landeerlaubnis zu entziehen. Von einem ernst zu nehmenden Widerstand kann aber gerade bei der Lufthansa nicht die Rede sein; die Kollegen der Austrian Airlines entgingen den Anforderugen einfach dadurch, dass sie sie ignorierten. Zwar sieht auch der österreichische Datenschutzaktivist Hans Zeger die Schuld in erster Linie in einem „durch und durch dilettantischen“ Vorgehen der EU-Behörden. Die Lufthansa selber hatte aber, als die Datenübermittlung begann, kein Protokollierungsverfahren installiert, mit dem sie feststellen konnte, ob tatsächlich nur die Daten von den US-Beamten abgefragt wurden, die Flüge in die USA berafen. Technisch haben die USA Zugriff auf sämtliche Europa-Flüge der Airline.

Ein „verantwortungsbewusster Umgang mit den Daten“ sei „eine wesentliche Grundlage für das Vertrauen, das die Kunden der Lufthansa entgegenbringen,“ sagt Lufthansa-Datenschutzbeauftragter Zöllner in der Ausgabe 2/2004 des „Lufthansa exclusive“-Hefts. Auf die Bestimmungen zum Daten-Striptease gegenüber den USA hatten allerdings nicht die Fluggesellschaften aufmerksam gemacht, sondern eine Reihe von Datenschutzaktivisten und die Europäischen Datenschutzbeauftragten. Solange sich das Verantwortungsbewusstsein der Lufthansa auf Kunstprojekte beschränkt, wird das Vertrauen der Kunden in das Unternehmen wohl nicht steigen.

Posted by Matthias Spielkamp at 24.01.04 16:54
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