06.02.04

Symposium DRM und Alternativen - Felix Stalder

Felix Stadler von der Hochschule für Kunst und Gestaltung in Zürich ist der Ansicht, dass P2P nur die halbe Innovation ist.

Er weist auf den Status der Information als öffentliches Gut hin – wenn es produziert ist, kann es nicht übernutzt werden.

Die DRM-Diskussion sei entstanden durch die Frage nach dem Anreiz – warum soll man etwas produzieren, wenn man nicht davon profitieren kann? Freie Software ist ein Beispiel, dass es geht. Aber der Vergleich mit Software ist hier nicht angemessen, denn kollaborative Verbesserung in einem expressiven Werk ist sehr viel schwieriger als in Software.

Die Kompensationsfrage muss also gestellt werden – expressive und funktionale Werke haben eine andere Logik, nach der sie produziert werden.
Nun zur Idee eines Alternativen Kompensationssystems (AKS):

1. Ziel: die Kombination von Effizienz und Kompensation – die Infrastruktur ist besser als im konventionellen Rahmen, aber man weiß nicht, wie kompensiert werden soll.

2. Ziel: Es ist ein zeitgemäßer Interessenausgleich nötig.

3. Ziel: DRM ist überflüssig zu machen.

DRM soll nicht mehr die Grundregel sein beim Vertrieb digitaler Güter, es kann aber sein, dass es noch gebraucht wird. Die Diskussion zu AKS hat vor etwa zwei Jahren begonnen. Die Situation im Musikgeschäft ist sehr instabil. Es gibt eine Kriminalisierung weiter Bereiche der Öffentlichkeit – der download ist strafbar, nun kommt es auch in der EU zu Massenkriminalisierung. Ein Vergleich liegt nahe zu den so genannten „kontrollierten Substanzen“ (Drogen) und der Diskussion seit den 60er Jahren.

Von Industrie und Verwertern kommt nicht viel, was zur Lösung beitragen könnte.

Das Problem bei DRM liegt auch in der kognitiven Überlastung des Nutzers, der sich die Frage stellen muss: Ist es mir einen Cent Wert, diesen Song anzuhören? Das ist viel zu mühsam, es ist mehr Aufwand, als der eine Cent wert ist, um den es geht.

Außerdem ist das System in sich widersprüchlich: Leute kaufen einen iPod für 400 Dollar, müssten aber 10.000 Dollar ausgeben, um es (legal) auszunutzen. Das System untergräbt sich selbst, indem es solche Kapazitäten schafft. Um das zu lösen, gibt es keine konkreten policy proposals.

Die Grundidee des AKS ist einfach: Es gibt eine Abgabe auf relevante Güter, und der freie Zugang zu digitalen Werken gilt als Norm. Ein solches System hat die Tendenz, expansiv zu sein, weil man nicht Musik einschließen, aber Film draußen lassen kann.

Es handelt sich um eine indirekte Kompensation für die Benutzung der Werke und ist eine Weiterentwicklung des bestehenden pauschalen Vergütungssystems.
Worauf sollen die Abgaben erhoben werden? Auf Güter und Dienstleistungen, die in einem direkten Zusammenhang mit der Musik stehen, denn es muss eine Belastungsfairness gewährleistet sein (ich kann nicht jemandem bezahlen lassen für Musik per Internet, der keine Zugang hat). Z.B. kann Breitband-Internetanschluss belastet werden – ein Modem aber nicht, weil damit die Nutzung von Medienfiles nur sehr eingeschränkt möglich ist. Die Leermittelabgabe kann hier als Präzedenzfall gelten.

Wie hoch soll die Abgabe sein?
Genaue Zahlen fehlen, aber es gibt Referenzwert für die USA: etwa 15 Prozent, also etwa 3,75 Euro auf einen T-Online DSL-Anschluss (Flatrate). Das wäre ein relevanter Betrag in einer sozial verträglichen Höhe.

Wie sieht die Angebotsseite aus?
Eine Lizenz für Anbieter erlaubt den freien Vertrieb übers Netz.

Variante 1: Eine gesetzliche Lizenz für alle. Der Vorteil daran: es ist eine einfache Lösung. Der Nachteil: Es ist politisch schwer durchsetzbar. Wegen internationaler Verträge, aber auch, weil es ungenügend differenziert ist. Außerdem entsteht das „Pornografieproblem“ – Filmproduktionen sind in der Pauschalvergütung mit drin; daher könnte das Argument aufkommen, mit Steuergeld wird etwas finanziert, was gesellschaftlich nicht wünschenswert ist (z.B. eben Pornografie).

Variante 2: Es gibt eine Lizenz für den freien Vertrieb mit Opt-Out-Möglichkeit, durch die man Werkkategorien ausschließen kann – etwa Pornografie –, oder durch die sich Rechteinhaber entscheiden können, „draußen“ zu bleiben – etwa, weil sie sich durch eine DRM-Lösung bessere Geschäfte erhoffen. Der Vorteil: Es entstehen weniger Konflikte mit bestehenden Gesetzen, es gibt mehr Möglichkeiten für Differenzierungen, eine direkte Konkurrenz zu DRM, die freie Wahl der Anbieter. Es ist auch ein Ausschluss von Anbietern möglich. Der Nachteil: Der Aufbau einer DRM-Struktur wäre notwendig, die Belastungsfairness ist nicht so gegeben.

Wie können nun die Künstler kompensiert werden?
Das Ziel ist ein möglichst genaues Abbild des Nutzerverhaltens. Das kann durch verschiedene Arten der Datenerhebung geleistet werden. Einmal durch die Registrierung und Markierung der Werke (Modell Digital Object Identifier, DOI), aber auch durch das Zählen von Downloads, indem die Präsenz auf P2P Knoten oder individuelles Abspielen gemessen wird. Auch eine Kombination der Verfahren ist möglich.

Eine andere Möglichkeit ist die Verteilung via festgelegtem Schlüssel. Um diesen Schlüssel zu erhalten, können alle Betroffenen (Kreative, Verwerter, Öffentlichkeit) direkt einbezogen werden, um herauszufinden, welche gemeinsamen und divergenten Interessen es gibt. Auch müssten neue Online-Verwertungsgesellschaften geschaffen werden, eine für Kreative, eine für Verwerter. Dadurch würden Transparenz und Konfliktlösungsmechanismen gestärkt, denn man muss sich gemeinsam auf einen Split einigen.

Warum neue Verwertungsgesellschaften?
Das System würde massiv vergrößert und ausgeweitet; es muss eine effektive Interessenvertretung gewährleistet sein. Die Langzeitentwicklung des Systems würde durch offene Verhandlungen unter Einbeziehung aller Interessengruppen gestärkt.

Wäre das das Ende der Industrie?
Nein, aber p2p würde den Vertrieb übernehmen, nicht mehr die Musikindustrie. Und ein AKS übernimmt die Bezahlung. Weitere Funktionen der Industrie wären nicht betroffen, z.B. die Entwicklung neuer Talente.

Es würden neue Geschäftszweige entstehen, etwa „value added services“: Zugang zu live Konzerten, Zugang zu Stars, Abo-Systeme und garantierte Downloads. Die Aussage „You can’t compete with free“ stimmt natürlich nicht. Man muss allerdings etwas finden, was das eigene Angebot besser macht als andere. Das können neue Navigationshilfen sein (wie findet man sich zurecht – das Amazon-Beispiel), oder der Versuch, andere Formen von Öffentlichkeit zu schaffen. Das geht im Moment nicht, weil P2P-Betreiber sagen müssen, dass sie nicht wissen, was in ihren Netzen passiert. Aber segmentierte Hitparaden oder personalisiertes Radio (individuelle Streams) sind denkbar.

Die Konsequenz wäre eine Verschiebung in Richtung Dienstleistung rund um den Konsum digitaler Güter.

Ist AKS ein Luftschloss?
Es gibt einen dringenden Handlungsbedarf:
• die Industrie ist in einer Krise
• die Bevölkerung wird kriminalisiert
• das hat alle möglichen negativen Nebenwirkung

Es gibt auch Bewegung, z.B. in Kanada: Im Dezember 2003 hat das Copyright Board of Canada eine Abgabe auf mp3-Player von 20 Prozent beschlossen. Das war eine indirekte Anerkennung der sozialen Wirklichkeit.

Das Europäische Parlament ist in seinem Report über die Rolle der Verwertungsgesellschaften (A5-0478/2003) zu dem Schluss gekommen, dass DRM ein unzulänglicher Ansatz sei, um Urhebern zu ihrem Recht zu verhelfen. Außerdem betrieben die VGs Monopolmissbrauch.

Was sind also die nächsten Schritte?
• Forschung
• Politische Absicherung
Je schlechter die Situation wird, desto besser für Alternativmodelle.

Stefan Bechtold merkt an, dass „wenig Markt“ in dem System vorhanden sei.

Stalder erwidert, dass es man die Frage stellen muss, ob es eine gute Idee, den Markt entscheiden zu lassen, denn der Unterschied zwischen Tauschwert und Nutzwert bei Musik sei sehr hoch. Ein AKS-System würde Präferenzen genauer abbilden als das bisherige, indem man die Wertschätzung misst, die Menschen der Musik zuweisen (wie oft hören sie sie, wie lange behalten sie sie?).

Gertis: Filesharing würde nicht nur entkriminalisiert, sondern auch monetarisiert.

Stalder: Es geht nur darum, Musikern zu ermöglichen, Musik zu machen.

Posted by Matthias Spielkamp at 06.02.04 11:44
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