27.11.04

Sind Blogger Journalisten?

Heute zur Abwechslung mal ein Meta-Thema. Holger Wenk hat in "M - Menschen machen Medien" (das ist die Zeitschrift der deutschen Journalisten-Union (dju) innerhalb der Gewerkschaft verdi) einen Kommentar veröffentlicht, in dem er die Behauptung aufstellt, Blogs seien kein Journalismus.

Nun ist diese Behauptung so sinnvoll wie zu sagen, Redaktionssysteme seien kein Journalismus. Weblogs sind erst einmal eine Technik, die es ihren Betreibern so leicht wie nie zuvor möglich macht, zu veröffentlichen. Was ist also von einem Artikel zu erwarten, den der Autor mit einer unsinnigen Behauptung beginnt? Nicht viel. Die Erwartung wird nicht enttäuscht.

Blogs, so Wenk, hätten den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl nicht so gut vorausgesehen wie traditionelle Medien und Wettbüros. Die Blogs als Gesamtheit? Einzelne ausgewählte? Mit welchen Mitteln hätten sie es tun sollen? Haben sie (wer ist das überhaupt: Sie?) behauptet, dass sie es könnten? Müssen sich Blogger, weil sie unter Umständen Trends auf ihrem Fachgebiet früher erkennen als traditionelle Medien, von nun an daran messen lassen, ob sie Wahlausgänge vorhersagen können? Schon hier verlässt Wenk den Boden einer nachvollziehbaren Diskussion, weil er nur behauptet, nichts belegt und erst recht nicht begründet, was er damit sagen willen. Aber es kommt noch besser.

Wenk schreibt weiter: "Ein subjektiver Blogger ist nur sich selbst verpflichtet, hat nichts zu verlieren - außer seinem Selbstwertgefühl." Und seiner Glaubwürdigkeit, möchte ich hinzufügen, so wie "traditionelle" Medien auch. Nur, dass er erst gar keinen Vorschuss hatte und sich in einem Meer anderer Stimmen einen herausgehobenen Platz erst erkämpfen muss, um wahrgenommen zu werden. Ganz im Gegensatz zum Journalisten, der nach Wenks Ansicht seinen Job verliert, wenn er nur seinem Gefühl folgt, nur seine Meinung widergibt. Es sei denn, diese von keinen Fakten untermauerte Meinung gibt die von der Redaktionsleitung ausgegebene These wider, die es zu untermauern gilt.

"Ist also jeder Laie berufen, journalistisch eine Art Gegen-Öffentlichkeit zu schaffen? Mitnichten! Journalisten in einer demokratischen Gesellschaft sind dazu berufen, möglichst objektiv- oder entsprechend nachvollziehbarer Kriterien der Medienbesitzer (Tendenz) - die Realität widerzuspiegeln." Oh jeh, da gehen dem "Kommunikationsexperten" Wenk aber einige Pferde auf einmal durch. Über Objektivität verliere ich besser gar kein Wort; vielleicht hat er einfach nicht bemerkt, dass dieses Konstrukt in seriösen Diskussionen über Journalismus nichts zu suchen hat.

Aber in einem verdi-Medienblatt den Tendenzschutz mit der Behauptung zu verteidigen, dass die Tendenz auf nachvollziehbaren Kriterien der Medienbesitzer beruhe, ist schon ein starkes Stück. Medienjournalist Wenk sollte sich nur mal die Medienseiten der großen Zeitungen ansehen und dann erklären, wie dort für den nicht-Fachjournalisten transparent gemacht wird, zu Gunsten welcher Tocher-, Mutter- oder Schwesterfirma gerade mal wieder in vermeintlich objektiven Artikeln argumentiert wird. Vom Wirtschaftsteil will ich gar nicht erst anfangen.

Der Kern des Berufsjournalismus, so Wenk, bestehe aus den Elementen "professionelles Handwerk, Moral und Ethik und Verantwortungsbewusstsein". Und, jetzt kommt's: "Es fehlen den meisten Hobby-Publizisten wie ihren Produkten die drei erwähnten Kernbestandteile." An dieser Stelle ist mir klar geworden, wo der Hase im Pfeffer liegt: Wenk weiß überhaupt nicht, worüber er schreibt! Selbstverständlich fehlen einem Großteil der "Hobby-Publizisten" diese "Kernbestandteile" - sie sind ja auch Hobbypublizisten. Ich habe aber auch noch nie gesehen, dass jemand, der ein Weblog lediglich als sein online zugängliches Tagebuch verfasst, behauptet, dass es sich dabei um Journalismus handelt. So, wie Tagebuchschreiber im Meatspace auch nie auf die Idee kämen, ihr Tagebuch in der Kneipe auszulegen und es "Tageszeitung" zu nennen.

Aber dass dutzende, vielleicht Hunderte von Journalisten, die Weblogs betreiben, in dem Moment diese Standards missachten, in dem sie einen Text statt in ihr Redaktionssystem in ein Weblog schreiben? Das ist etwa so sinnvoll wie zu sagen, durch das Tragen einer Baseballkappe verkehrt herum verringere sich der Intelligenzquotient des Trägers um 80 Prozent.

Und dann versteigt sich Wenk auch noch dazu zu schreiben, die Tatsache, dass es auch bei etablierten Medienmachern zu "Entgleisungen" komme, liege daran, dass sie sich auf dem Markt behaupten müssten - und die Masse (bin das eigentlich ich, der Leser Spielkamp, oder nur die anderen - außer Holger Wenk? Also alle anderen außer uns beiden?) will's auch noch so. Vielleicht sollte der Autor mal die Analysen zur gezielten - und erfolgreichen - Faktenmanipulation durch Interessenverbände lesen, die im gleichen Heft erscheint wie sein eigener, erschütternd tendenziöser, belegfreier und behauptungsstrotzender Beitrag (Zweifelhafte Botschafter - Die Bevölkerung steht im Visier der Initiative Neue soziale Marktwirtschaft | Den Verlegern gefällt‘s -Der Ökonom Heiner Flassbeck über die Eindimensionalität des neoliberalen Mainstreams in der Wirtschaftspresse | Raus aus dem Jammertal! - Ansatzpunkte gegen neoliberale Einflussstrategien | Einspruch gegen Parolen - Gegenöffentlichkeit kommt von ehemaligen Beratern der alten Sozialdemokratie).

Einen Kommentar zu schreiben mit der Grundannahme, Blogs seien kein Journalismus, ist zum Scheitern verurteilt. Denn schon der Gegensatz ist sinnlos konstruiert. Es gibt Weblogs, in denen herausragender Journalismus gemacht wird, so wie es "etablierte" Medien gibt, die keines der von Wenk genannten Kriterien erfüllen. Es wäre schön, wenn beide Formen voneinander lernen könnten. Das wird durch derartige Beiträge nicht erleichtert. Die im Kommentar notwendige Zuspitzung verführt oft genug dazu, den gesunden Menschenverstand auszublenden und nur (schlecht) zu polemisieren. Wenks Artikel ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Interessant allerdings, dass man schon zwei Tage nach Veröffentlichung den Kommentar auf Googles Platz 1 bei der Suche nach "Holger Wenk" findet. Wem hat Wenk das zu verdanken? Den Weblogs natürlich, die seinen Beitrag kommentieren und dabe auf ihn verlinken. Wie Der Spindoktor, Dienstraum, onlinejournalismus.de (dazu auch der Verweis auf ihr eigenes, ausgezeichnetes Dossier zu Weblogs), Against Me, cydome - und nun ja auch icke. Da wird er sich freuen, der Herr Wenk, über soviel Publicity durch einen so schlechten Beitrag...

Update (18. März 2005)
War mir ganz entgangen: "M" hat meinen Leserbrief gekürzt veröffentlicht (am Ende der Seite, kein direkter Link möglich). Das ergänze ich nicht aus Eitelkeit, sondern weil der Kommentar, den die Redaktion dem Brief angefügt hat, wundersamerweise nicht im Netz zu sehen ist.

Warum nur? Nun, vielleicht haben sie nochmal drüber nachgedacht. Damit andere Interessierte, die als Nicht-dju-Mitglieder die Zeitschrift nicht zugeschickt bekommen, das auch tun können, muss ich ihn wohl abschreiben:

"Der hier wiedergegebene Brief ist aus Platzgründen um mehr als die Hälfte gekürzt. Aber er kann im Netz gelesen werden [im Original kein URL angegeben], ebenso wie die darauffolgende Diskussion in verschiedenen Blogs, die vor Beschimpfungen und Beleidigungen gegenüber dem Autoren und "M" nur so strotzen. Schade! "M" will mit Pro&Contra Debatten um Probleme des Berufsstandes anregen. Dabei wird in der kurzen Kommentarform völlig legitim zugespitzt. Sachliche Kritik und engagiertes Streiten sind gefragt und erwünscht. Diese Chance wurde hier offenbar verschenkt.
Die Redaktion."

Jeder denke sich seinen Teil...

Posted by Matthias Spielkamp at 27.11.04 10:47
Comments

Dem ist nichts hinzuzufügen. Einfach nur excellent!
Würde mich interessieren, on die MMM sich traut, Ihren Leserbrief abzudrucken.

Posted by: Guntram at 29.11.04 09:52

Hallo!

ich habe es woanders schon geschrieben, will das aber noch mal überall deutlich machen:

Was auch immer Holger Wenk gegen die Webloger hat - ob nun aus privaten, aus persönlichen oder aus beruflichen Gründen als Freier Journalist und wie falsch seine Argumente und Standpunkte auch sein mögen, bedeutet es doch noch lange nicht, dass die gesamte "dju" seine Äußerungen teilt.

Die "dju" hat nix gegen Weblogs.

Herzliche Grüße trotz allem,

Oliver P.

Posted by: Oliver P. at 29.11.04 12:26

Hallo Oliver,

ich habe Deinen Hinweis auch woanders schon gelesen. Nur habe ich Wenk auch gar nicht mit der dju gleich gesetzt. Oder siehst Du das irgendwo in meinem Text? Ich nehme nie Menschen in Sippenhaft für das, was andere sagen. Es sei denn, sie unterstützen den Standpunkt. Was ich bei der dju nicht erkennen kann. Nicht umsonst wird die M-Redaktion die Pro/Contra-Form gewählt haben.

Posted by: Matthias at 29.11.04 22:58

Hallo Matthias,

entschuldige bitte, ich habe das nicht deutlich genug geschrieben. Ich habe das ja fast wortwörtlich aus meinem anderen Kommentar kopiert, war keine so gute Idee.

Was mir wichtig war, diese "Sippenhaftung" (der Ausdruck passt wirklich ganz gut) so schnell es geht "abzuwürgen" und auf die Privatmeinung von H.W. klarzustellen.

Entschuldige bitte, wenn ich meinen Kommentar in Deinem Blog dazu genutzt habe, es hatte ja eigentlich gar nix mit dem Inhalt Deines Eintrags zu tun, sondern nur mit dem Anlass und dem Eintrag in einem ganz anderen Blog...

Du hast schließlich erkannt, dass es sich um einen Kommentar handelt und was das bedeutet :-)

Okay, jetzt ist alles geklärt. Uff.

Nächtliche Grüße,

Oli P
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Posted by: Oliver P. at 02.12.04 02:20