29.08.05

NdS: Es ist erst vorbei, wenn die dicke Frau singt.

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Korrektur
Ohjehojeh - da habe ich doch den Fehler begangen, den ich meinen Seminarteilnehmern immer auszutreiben versuche - eine Aussage für bare Münze zu nehmen, ohne sie zu überprüfen. Wie sie in ihrem Kommentar zu meinem Chisinau-Eintrag feststellt, ist Frau Lochner nicht die Frau des deutschen Botschafters in Moldau. Asche auf meine Haupt. Ich bitte um Verzeihung. Wenigstens kann ich dann den nächsten Ratschlag in die Tat umsetzen, den ich gerne gebe: Wenn man Fehler macht, ist man schlecht beraten zu versuchen, sie unter den Teppich zu kehren.

Hier geht's weiter mit dem Originalbeitrag:

Nichts los im Immateriblog? Das liegt daran, dass ich in Chisinau bin (wird Kischinau ausgesprochen), der Hauptstadt Moldaus – nicht Moldawiens, wie uns der deutsche Botschafter hier erklärt hat (obwohl Wikipedia da anderer Ansicht ist als das AA, aber bitte keine Fragen zu den politischen Implikationen, da hab’ ich nicht zugehört).

Hier leite ich gemeinsam mit Joachim einen Kurs zu Online-Journalismus für das International Institute for Journalism (IIJ) von Inwent. Teilnehmer sind Journalisten aus Moldau, von Online-Anfängern bis zu solchen, mit denen man sich in der Mittagspause über die Konfigurationsmöglichkeiten bei Mambo unterhalten kann (nicht, dass ich davon irgendeine Ahnung hätte, aber man lernt ja immer gern dazu).

Was das alles mit Immaterialgütern in der Informationsgesellschaft zu tun hat?

Nicht viel, aber das liegt nicht an mir. Ich habe schließlich mein Mögliches getan und über die Wizards of OS-Mailingliste gefragt, ob’s hier was zu recherchieren gibt zum Thema.

Natürlich geht man erstmal davon aus, dass in einem Land, das quasi seit den Jahren der Perestroika auf der US-Liste der „Most Favored Nations“ steht, irgendein Bob Zoelick-Lookalike dafür sorgt, dass Moldau entweder den WIPO-Verträgen beitritt, oder dem örtlichen Wirtschaftsminister beibiegt, dass ein bilaterales Abkommen doch eine ganz gute Idee wäre: Moldau erkennt sämtliche Schutzvorschriften für „geistiges Eigentum“ an, dafür kann der Landwirtschaftsminister verkünden, dass moldauische Bauern von nun an Sonnenblumenöl, Trauben und ihren wirklich ausgezeichneten Pinot Noir vom Purcari-Weingut ohne Zollaufschläge in die USA exportieren können. In Jordanien, Singapur und Chile hat’s ja schon ganz gut funktioniert. Wenn in einigen Jahrzehnten das böse Erwachen kommt, sind die Minister natürlich längst tot oder pensioniert und halten auf der Krim ihren Wanst in die Sonne.

Hier kommt schließlich der Teil der Geschichte, die mehr ist als nur ein Feigenblatt, hinter dem ich meine Anekdötchen aus einem fernen Land einschmuggele: Niemand in Moldau interessiert sich für Freie und Open-Source-Software (FuOSS) – denn niemand käme auf die Idee, Lizenzgebühren für Software zu bezahlen.

Nicht gerade eine neue Erkenntnis, die ich aus einem Transformationsland mitbringe, aber sie erinnert mich an eine Diskussion beim Stanford Law Program 2003 zwischen Larry Lessig und Jason Matusow, Microsofts Legal Counsel für Lizenzen. Lessigs Frage war, ob es MS lieber sei, dass eine Milliarde Chinesen und Inder „geklaute“ MS-Software nutzen, oder auf FuOSS umsteigen.

Jason war nicht wirklich erfreut über die Frage und wand sich hin und her, aber man hatte den starken Eindruck, er hätte am liebsten gesagt: „Was denkt ihr denn? Klar sollen die lieber klauen als auf Freie Software umzusteigen. Denn irgendwann zieht unser Handelsbeauftragter die Daumenschrauben an. Dann hetzen wir Euch die BSA auf den Hals, die mit der Moldauischen Polizei als Handlanger Eure Bürotüren aufbricht, um die Lizenznummern zu checken (Bulgarien hat damit schon einschlägige Erfahrung [pun intended]). Und wenn Ihr dann immer noch nicht zahlt, könnt Ihr Euren Purcari selber trinken. Mal sehen, wie lange es dauert, bis Ihr Euren Kumpels dann beibringt, mit FuOSS umzugehen.“ Aber das geht natürlich schlecht, wenn man als Syndikus für den größten Software-Konzern der Welt arbeitet.

Ach ja: Der beste Tipp, der über die WOS-Mailingliste kam war, mir das Fußballstadion anzuschauen. Mh. Dann ist auch noch die Chisinauerin Viorica als Ratgeberin ausgefallen, die ich bei oben genanntem Stanford Internet Law Program kennen gelernt habe, denn die studiert gerade in Turin. Damit waren meine Ressourcen auch schon erschöpft, denn in einem Land mit einem pro-Kopf-BIP von 710 / 1930 US-Dollar im Jahr (Atlas-Methode / PPP, PDF, 20 Kb) jemanden zu finden, der sich für Immaterialgüter interessiert, ist ungefähr so Erfolg versprechend wie die Suche nach einem Sommelier in Mekka.

Was das mit der dicken Frau zu tun hat, wird sich der aufmerksame Leser an dieser Stelle fragen. Zweierlei. Erstens regen interessante Überschriften zum Weiterlesen an. Zweitens ist die sprichwörtliche dicke Frau bekanntlich Opernsängerin. Ebenso wie Regina Lochner, die Gattin Seiner Exzellenz, des deutschen Botschafters in Moldau, Wolfgang Lerke - und sein ehemaliger "1. Sekretär" (so steht's auf den alten Botschaftsseiten, ich kann nix dafür) für Wirtschaftsangelegenheiten. Dabei heißt es doch immer, man soll mit KollegInnen keine Beziehungen anfangen... Achtung: Siehe Korrektur am Beginn des Beitrags!

Ein echt okayer Typ, der Herr Botschafter, der jede Gelegenheit nutzt die Moldauer für sich einzunehmen, indem er ihnen Ansprachen auf Rumänisch hält – der Sprache, die in den Jahrzehnten der sowjetischen Herrschaft unterdrückt wurde. So etwa bei der Eröffnung unseres Inwent-Seminars, bei der er uns quasi die Einladungen zum jährlichen Sommerkonzert „Splendorile Operei“ im Amphitheater des Stadtparks in die Taschen geschoben hat. Nett von ihm, denn das Konzert mit Frau Lochner in der Hauptrolle war wirklich ein schönes Ereignis, bei herrlichem Wetter (fanden die Mücken allerdings auch), mit einer lausigen Verstärkeranlage (Werbeeinblendung in guter Sache: Liebe Verantwortliche bei BMW und Südzucker – ist wirklich total lieb von euch, derartige Volkerverständigungsveranstaltungen zu finanzieren. Aber tut doch bitte beim nächsten Mal soviel Geld dazu, dass Seine Exzellenz seiner Frau und ihren Kolleginnen und Kollegen eine richtige Stereoanlage hinstellen kann, die nicht bei jeder leisen Stelle fiept) und den niedlichsten Ü-Wagen, die ich je gesehen habe. Dummerweise hatten weder Joachim noch ich selbst eine Knipse dabei, um das zu dokumentieren. Ist ja klar, dass die bei der Gelegenheit im Hotel liegen.

Die Frau (nicht wirklich dick) hat nun gesungen, und die Reise ist (fast) vorbei. (Soviel poetic license muss sein.) Das nächste Mal geht’s voraussichtlich nach Chennai, Indien. Mit FuOSS sieht’s da bekanntlich etwas anders aus als in der alten Welt. Was den Rest anbelangt – mal sehen.

Was hat all das nun mit Niedersachsen zu tun? Gar nix. NdS steht bei mir für „neben der Spur“. Als tapferer Kämpfer für den Erhalt der deutschen Sprache (hat der Schwätzer nicht weiter oben so Sachen geschrieben wie „Lookalike“ und „okayer“? Ja, aber das ist was anderes!) kann ich dieses blöde OT einfach nicht mehr sehen. Mal schauen, wie lange es dauert, bis sich meine Version durchgesetzt hat :-)

Posted by Matthias Spielkamp at 29.08.05 12:05
Comments

Sehr geehrter Herr Spielkamp,
ich bin immer noch erster Sekretär an der Botschaft, u.a. für Wirtschaft und Verwaltung zuständig und Singen ist mein Hobby. Ich bin --nicht-- mit Botschafter Lerke verheiratet. Daß Sie mich nicht wirklich dick finden, finde ich nett, den rest Ihre Artikels auch.
Beste Grüße
Regina Lochner

Posted by: Regina Lochner at 06.09.05 19:14

Hoppla, da ist natürlich eine Entschuldigung fällig. Man soll sich nie auf ungeprüfte Quellen verlassen. Das sollte ich als Journalist eigentlich am besten wissen. Tut mir wirklich leid. Nicht, dass der Herr Botschafter eine schlechte Partie wäre :-) Aber das hilft hier natürlich nicht weiter. Dass Ihnen der Rest des Beitrags gefällt, freut mich.

Posted by: Matthias Spielkamp at 06.09.05 19:20