22.01.06

INDICARE Workshop on Human Factors of DRM, Budapest

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Da ich ohnehin auf dem Flughafen festsitze (ohne Wifi, obwohl das in Ungarn recht weit verbreitet ist), kann ich auch gleich etwas schreiben zum Indicare-Workshop „on Human Factors of DRM“, der hier gestern stattgefunden hat. Ich war überraschend eingeladen worden, weil zwei Mitarbeiter von Indicare meinen Vortrag in Florenz gehört hatten und sie iRights.info so spannend fanden, dass sie mich in Budapest dabei haben wollten.

Indicare ist ein von der EU finanziertes Projekt mit Konsortialpartnern aus Deutschland ( Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) Karlsruhe, Berlecon Research Berlin), den Niederlanden (Institut für Informationsrecht der Uni Amsterdam) und Ungarn (Technische Universität Budapest). Es geht darum herauszufinden, welche Probleme DRM für die Nutzer mit sich bringt. Dazu wurden aufwändige Nutzerumfragen erstellt und eine Website eingerichtet, die über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet informiert. (Die Abkürzung steht für The INformed DIalogue about Consumer Acceptability of DRM Solutions in Europe - ist das nicht herrlich?).

Für den Workshop waren die Ergebnisse der zweiten Folgebefragung angkündigt, doch leider konnten nur sehr wenige Details bekannt gegeben werden, da die Befragung in manchen Ländern noch läuft.

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Und hier noch ein Foto von Budapest bei Nacht mit beleuchteter Kettenbrücke, aufgenommen mit meinem K750i von der Ungarischen Nationalgalerie aus.

In Budapest hielt Alapan Arnab von der Universität von Cape Town in Südafrika den ersten Vortrag. Ihm geht es darum, ein offenes, alternatives DRM-System zu entwickeln. Leider hatte er die Zeit schlecht eingeschätzt und musste durch die letzten Teile seines Vortrags, die eigentlich die spannendsten waren, hetzen. Interessant war der erste Teil dennoch, vor allem, wenn es darum geht einzuschätzen, wie mit Kunden in anderen Ländern umgegangen wird. Alapan zeigte am Beispiel des „Vodafone Live“-Services, über den Mobilfunkkunden Musik und Filme angeboten werden, dass die Geschäftsbedingungen die Kunden vollständig im Unklaren lassen über DRM-Beschränkungen, die für die Daten gelten.

Philip Bohn, Junior Researcher bei Berlecon, präsentierte die wenigen Trends, die sich aus den Umfragen bisher ablesen lassen. Für Kunden sei es nicht wichtig, so Bohn, Medien-Dateien wieder verkaufen zu können, doch drei Viertel von ihnen möchten in der Lage sein, sie mit anderen zu „teilen“, also auszutauschen. Die meisten Kunden möchten Musik behalten, haben kein Interesse an zeitlich befristeten Nutzungsrechten – nicht einmal, wenn sie dann weniger für die Stücke oder Filme bezahlen müssten. Dennoch habe ein großer Anbieter wie Yahoo sogar die Preise für seinen Musik-Abodienst erhöhen können. Allerdings gibt Yahoo keine Zahlen bekannt zu Umsatz und Gewinn.

Im ersten Teil der Umfrage (PDF, 1820 KB) hatten die meisten Kunden gesagt, dass sie sich „bessere“ Online-Music-Geschäfte wünschen und mehr als die Hälfte mit den vorhandenen Schwierigkeiten haben. Bei dieser sehr unklaren Aussage blieb es dann aber auch, es gabe keine Angaben dazu, welcher Art die Schwierigkeiten sind. Offenbar ist auch die Frage, wie weit die Probleme mit DRM zu tun haben, gar nicht gestellt. Ich muss mir natürlich die vollständige Veröffentlichung noch einmal anschauen, aber das scheint mir im Zusammenhang dieses Projekts doch recht seltsam.

Im zweiten Teil der Befragung, die nun gerade läuft, wird es in erster Linie um den Video-Markt gehen, der sich insofern vom Musikgeschäft deutlich unterscheidet, als er auf einem anderen Verwertungsmodell beruht (die so genannte kaskadierende Verwertung: erst Kino, dann DVD, dann Bezahlfernsehen, dann freie Ausstrahlung). Dabei sei auch interessant zu beobachten, was nun mit Steven Soderberghs neuem Film passiere, der am 27. Januar gleichzeitig im Internet, Kino und auf DVD veröffentlicht werden soll. Ich hatte davon bisher nichts gehört und werde mir das sofort mal anschauen.

Die Fragen, die sich im Fimmarkt stellen, hätten vor allem damit zu tun, dass es noch mehr Formate gibt als bei Musikstücken (eine Annahme, die ich erstmal nicht sehr überzeugend fand, wenn man annimmt, dass wir es mit MP3, OGG, WMA, AAC, FairPlay, ATRAC und wahrscheinlich noch anderen zu tun haben). Im Videomarkt kommen nun weitere neue dazu; so hat ja Google gerade sein eigenes DRM-System angekündigt. Weiterhin wird es darum gehen herauszufinden, ob etwa die Umformatierung von Viedo-Inhalten „fair use“ sein kann, also etwa Inhalte für die PSP oder den Video-iPod aufzubereiten.

Hugh Huddy vom Britischen Royal National Institute of the Blind berichtete von den Schwierigkeiten, die Menschen mit Sehbehinderungen haben, wenn sie es mit DRM-Systemen zu tun haben. So habe zwar etwa Adobe eigens Werkzeuge in seine Formate implementiert, die es möglich machen, sich Texte von Bildschirmleseprogrammen (Screenreadern) vorlesen zu lassen. In der Standardeinstellung wird jedes Dokument in Adobe Acrobat 6 oder 7 so angelegt, dass das Vorlesen erlaubt ist. Viele Verlage schalten diese Möglichkeit jedoch ab, weil sie Angst davor haben, dass Screenreader dazu genutzt werden könnten, geschützte Inhalte zu extrahieren, sagte Huddy. Zwar gebe es bisher keine Hinweise darauf, dass das möglich ist oder irgendwann einmal passiert sei. Dennoch sei z.B. in England die Bibel als eBook mit einem derartigen Schutz versehen gewesen. Beim Versuch herauszufinden, wer diese Entscheidung getroffen habe, haben sich Verlag und Vertrieb (in dem Fall Amazon) gegenseitig die Schuld in die Schuhe geschoben, so dass der Schutz bis heute bestehe.

Sehr interessant war der Bericht Huddys von einem Gespräch mit der Adobe-Mitarbeiterin, die für „Accessability“, also Zugänglichkeit von Dokumenten zuständig ist und damit auch für derartige Fälle. Sie habe berichtet, dass Adobe und die Hersteller von Screenreadern wie Jaws und Window Eyes zusammenarbeiten mit dem Ziel, dass Adobes Leseprogramme (wie der Adobe Reader) durch bestimmte Schlüssel „wissen“, dass der Inhalt von einem Leseprogramm für Sehbehinderte ausgelesen wird, nicht von einem Knackprogramm.

Miklos Gyertyanfy, Business Development Manager bei T-Online Ungarn, mit 60 Prozent Marktanteil das größte Portal in Ungarn, berichtete von den Angeboten der Firma im Film- und Musikmarkt. Er berichtete, dass Kunden den Wunsch haben, Filme zu „besitzen“, also einen zeitlich unbeschränkte Lizenz zu haben und sie auf DVD brennen zu können, aber Windows DRM 10 diese Möglichkeit bisher nicht biete. uccessful

Aufschlussreich auch der Vortrag von Lars Grondal, Jurist bei der norwegischen Verbraucherschutzagentur, der aber derzeit bei BEUC in Brüssel arbeitet. Er analysierte die Nutzungsbedingungen von iTunes, die seiner Ansicht nach in vielen Punkten eindeutig europäischem und norwegischem Recht widersprechen. Die Details habe ich hier nicht notiert, aber seine Folien waren recht aussagekräftig (Indicare will sie alle demnächst online stellen).

Dr. Aniko Gyenge vom ungarischen Justizministerium gab eine Einführung in die Schwierigkeiten, die europäische Urheberrechtsrichtlinie in ungarisches Recht zu übertragen. Der Vortrag war sehr spezialisiert auf das Urheberrecht und den Zusammenhang mit dem berüchtigten Artikel 6 (Schutz technischer Maßnahmen), weshalb ich hier nicht mehr dazu schreiben werde. Auch ihre Folien werden veröffentlicht. Schön fand ich zu erfahren, dass Aniko im ungarischen Creative-Commons-Projekt mitarbeitet. Auf meine Frage, wie das denn möglich sei, dass das Justizministerium mit CC zusammen arbeite, antwortete sie, dass sie das privat tue. Auf diese Art hat es dann zwar bei weitem nicht eine so große Bedeutung, wie wenn das Ministerium beteiligt wäre. Dennoch ist es interessant zu sehen, was in einem Land wie Ungarn möglich ist – dass etwa in Deutschland eine Referentin des Justizministeriums in ihrer Freizeit, aber natürlich öffentlich, bei CC mitarbeitet, ist kaum vorstellbar.

Balazs Bodo, Ökonom am Zentrum für Medienforschung und -bildung, stellte das Silent Library Project vor, in dem ungarische Aktivisten urheberrechtlich geschützte Bücher eingelesen und im Internet zum Abruf bereit gestellt haben. Das Projekt musste nach einer Urheberrechtsklage des Verbands der Verleger und Buchvertriebe eingestellt werden. Spannend waren hier die Zahlen, die Balazs präsentierte. Von den 131.643 Büchern, die in den vergangenen zehn Jahren in Ungarn veröffentlicht wurden, sind 27.247 im Handel, also weniger als 20 Prozent (hier ist zu bedenken, dass das Urheberrecht auch in Ungarn 70 Jahre nach dem Tod des Autors gilt, und dass der Anteil der Bücher im Handel ziemlich sicher stark sinkt, je weiter man zurück schaut). Von den Büchern, die das SLP abrufbar gemacht hat, sind nur 194 noch im Handel, 91 Prozent sind nicht erhältlich. Auch der Anteil der Bücher, die noch im Handel sind und über das SLP abgerufen worden, war gering, ich habe aber leider offenbar vergessen, die genaue Zahl mitzuschreiben. Steht hoffentlich auch auf Balzs Folien. Ganz offensichtlich ist jedenfalls, und das war dann auch Balzs’ Fazit, dass der Markt die Bedürfnisse der Nutzer nicht befriedigt, das Urheberrecht – und auch technsiche Schutzmaßnahmen – es aber verhindern, dass diese Bedürfnisse durch das, was Balazs „commons based peer production“ nennt, zu befriedigen. Denn eingescannt und eingestellt wurden die Bücher von ehrenamtlichen Helfern, der Datentransfer wurde über Spenden finanziert.

Zum Schluss war noch Martin Springer vom Digital Media Project an der Reihe. Er berichtete vom Versuch des Projekts (initiiert vom MPEG-„Erfinder“ Leonardo Chiariglione), einen offenen, freien Standard für DRM zu entwickeln, so dass es zumindest möglich wäre, mit verschiedenen Systemen auf Daten zuzugreifen, statt wie bisher in einem System gefangen zu sein bzw. gezwungen zu sein, verschiedene Systeme auf dem Rechner zu installieren. Auf die Frage, ob er sich ein DRM-System vorstellen könne, das alle verschiedenen kulturellen und rechtlichen Anforderungen der verschiedenen Länder (wie z.B. Schrankenregelungen des Urheberrechts, freie Nutzungen etc.) zu respektieren, gab er die ausweichende Antwort, dass er das für eine hypothetische Frage halte. Solange nicht bewiesen sei, dass es nicht geht, könne man es immerhin versuchen.

Posted by Matthias Spielkamp at 22.01.06 00:21
Comments

Hallo Herr Spielkamp, vielen Dank für Ihre konzise Zusammenfassung der Konferenz - und natürlich für Ihre Teilnahme.

Da sie oben erwähnen, dass ich Sie bezüglich der verschiedenen Formate im digitalen Videomarkt nicht überzeugen konnte, wollte ich noch etwas ergänzen.

Zunächst haben Sie natürlich Recht, dass es ebenfalls sehr viele unterschiedliche Musikformate gibt. Aber praktisch sind doch nur einige wenige in Gebrauch.

Allerdings habe ich mich in meinem Vortrag vielleicht nicht ganz klar ausgedrückt. Mir ging es vor allem um verschiedene inhaltliche Formate, also Filme, TV Shows, Nachrichten, Sport, etc. Alle diese Formate bringen verschiedenen Nutzungsmuster und damit technische Anforderungen mit sich.

Bei der Musik hingegen ist der Markt deutlich homogener. Dort gibt es halt Musik. Natürlich gibt es auch Sinfonien oder Filmmusik. Aber der größte Teil des Marktes dürfte mit recht homogener Pop-Musik abgedeckt sein. Dort sind die Nutzungsmuster eher wenig differenziert.

Posted by: Philipp Bohn at 23.01.06 10:53

Hallo, Herr Bohn,

vielen Dank für die Klarstellung. Das hatte ich tatsächlich missverstanden.

Posted by: Matthias Spielkamp at 23.01.06 11:04